Ein aufgeschnapptes Gespräch

Neulich habe ich ein Gespräch aufgeschnappt. Nicht absichtlich, ich habe da gesessen und gelesen, aber das Thema tangierte mich irgendwie und blieb mir im Ohr. Zwei Frauen unterhielten sich darüber, dass die eine demnächst ihren Job aufgibt um genug Zeit zum Zeichnen zu haben. Ich habe nicht alles mitgehört (schließlich wollte ich nicht zu neugierig sein), kenne die genauen Umstände und auch die Personen nicht. Aber es ging derjenigen, die ‚aussteigt‘ darum, dass sie bei ihrem 40h Job laut ihrer eigenen Aussage zu wenig mit dem beschäftigen kann, was sie wirklich machen will. Nämlich Zeichnen. Das hat mich irgendwie berührt.

Träume vergangener Tage

Als junger Teenager habe ich meinen Eltern erklärt, dass ich Zeichnen zu meinem Beruf machen will. Und das kam nicht gut, weil meine Eltern Realisten sind und wollten, dass ich irgendwann auf eigenen Beinen stehen kann. Und das geht nicht mit zeichnen, das war eine ihrer knallharten Annahmen.

Tatsächlich hatte ich das Glück etwas anderes zu finden, dass mir viel viel Spaß macht und mir sehr wohl meinen Lebensunterhalt finanzieren kann. In der Schule lernten wir im Informatikunterricht programmieren und es war wie Liebe auf den ersten Blick. Es gibt keine Worte dafür, die beschreiben, was ich empfunden habe als ich eigenständig Skripte schreiben konnte außer: angefixt. Mir war klar, dass das mein Beruf werden würde. Das war wie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Was cooles machen und dafür Geld verdienen. Und das Zeichnen? Das gebe ich natürlich nicht auf. Das kriege ich doch nebenbei hin. Da war ich wohl ein Optimist. 🙂

Nein, ich habe das nicht nebenbei hinbekommen. Als Studentin schon. Da habe ich ja offensichtlich auch Morphin gezeichnet. 😉 Aber nebenbei zum Beruf ging das nicht mehr, u.a. auch weil ich angefangen habe zu bloggen und mich das viel und gut beschäftigt. Und ja auch Spaß macht – prima Zwickmühle. Prioritäten setzen? Gelingt mir ja inzwischen wieder. Klappt schon so ein bisschen besser. Aber eine düstere Gewissheit ist da: hätte ich mich in meinen Bestrebungen auf diese eine Sache fokussiert, auf Zeichnen, dann wäre ich jetzt mega gut. Stattdessen habe ich Informatik studiert, angefangen Sport zu machen, Blogs gestartet … alles Zeit in der ich meine Fähigkeiten hätte verbessern können.

Und Realismus

Aber heute, wenn ich so von der Aussteigerin höre, dann bin ich nur ein bisschen neidisch. Denn, wenn ich nochmal Entscheidungen treffen müsste, würde ich wieder dieselben Wege wählen. Das ist der Luxus, weil ich gern programmiere und Software-Entwicklerin bin. Aber zeichnen bringt ein Feuer in meinem Herzen zum lodern. Eine Flamme, die wohl nicht erlischt, auch wenn man sie einige Zeit nicht gefüttert hat. So muss ich trotzdem zugeben: ein schöner Gedanke, das mit dem Zeichnen als Haupt-Lebensbestandteil.

Header image photo credit: Dewang Gupta

Habt ihr es versucht euren Lebensunterhalt mit etwas kreativem zu verdienen und wart erfolgreich oder nicht? Oder habt ihr euch im selben Zwiespalt wie ich für eine andere Liebe entschieden? War es eine gute Entscheidung? Ihr merkt übrigens, dass ich das Vorhaben, was ich da mitgehört habe, nicht werte. Das steht mir nicht zu, da ich die Umstände und Menschen nicht kenne.

6 Gedanken zu „Ein aufgeschnapptes Gespräch

  1. Ich habe eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht, weil ich dachte, dass mir etwas Kreatives liegen würde. Ich habe früher auch gerne gezeichnet und auch an einer eigenen Homepage mit HTML/CSS gearbeitet.
    Aber… glücklich bin ich damit nicht geworden. Es fiel mir einfach schwer, für andere Leute kreativ zu sein und in der Freizeit konnte ich auch selten kreativ sein, da hatte ich einfach keine Lust mehr dazu. Mich da durchs Berufsleben bis zur Rente durchbeißen, das wollte ich auch nicht, daher habe ich mich Richtung Büro umorientiert. Es ist zwar nicht spannend, aber es tut mir in meiner Freizeit als Ausgleich gut, dass ich mich kreativ austoben kann, ohne irgendeinen kritischen Blick im Nacken zu haben. 🙂

    Wer das Zeichnen zum Hauptjob machen will, Respekt. 🙂

    1. Oh, da sagst du was. Ich empfinde es auch als mehr als schwierig für andere Leute kreativ zu sein wie du sagst. Kunst ist so etwas persönliches, dass mich Ablehnung auch immer sehr getroffen hat. Aber dazu schreibe ich demnächst auch noch etwas – genauer gesagt morgen. Vermutlich wäre es für mich auch eine schlechte Wahl etwas kreatives zum Hauptberuf zu machen, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Man muss wahrscheinlich in der Lage sein sich von allem weit genug distanzieren zu können.

      Wer das kann, vor denen habe ich auch Respekt. 🙂

  2. Ich bin ja ebenfalls Software-Entwickler und so gesehen in der glücklichen Position beruflich etwas machen zu können, was mich interessiert und nicht schlecht bezahlt wird. Allerdings habe ich mich auch dafür entschieden beruflich Software zu entwickeln, weil ein entsprechender Bedarf da ist. Mathe und theoretischere Gebiete fand ich im Studium viel interessanter und so bleibt ein kleines Bedauern und die bittere Frage nach dem was wäre gewesen wenn..
    Verurteilen würde ich niemanden für den Versuch sein Leben nach seinen Wünschen zu gestalten, schließlich hat jeder nur ein einziges. Natürlich muss jeder zusehen seinen Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen, aber wenn ich überlege wie viel Geld ich in meinem Berufsleben schon den Bach runtergehen gesehen habe, relativiert sich vieles. Nützlichkeit ist wohl der geeignetere Maßstab..

    1. Ich muss auch sagen, dass ich ziemlich froh darüber bin, dass meine Wahl, wenn sie nun schon nicht auf Kunst fiel, immerhin auf einen Berufszweig der mir Spaß macht und gesucht wird und ganz ok bezahlt. Also kann ich mich ja auch nicht beschweren. Aber wie du schon sagst: das „Was-wäre-wenn“, das nagt manchmal eben doch an einem.
      Aber was solls!? Es fällt mir eh schwerer die Visionen anderer umzusetzen als meine eigenen was Design und Kunst betrifft, also wird es schon gut sein, so wie es ist, denke ich. 😉 Aber irgendwie finde ich es immer spannend und beruhigend von den Gedanken und Erfahrungen anderer zu hören. Wann kam bei dir die Erkenntnis, dass es eher IT als Mathematik wird? Hast du Mathematik studiert?

      1. Ne, es war von vornherein klar, dass ich etwas Technisches machen werde. Ich habe Mathe zwar immer geliebt, aber sie mich nicht. 😉

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