Gedanken: ist Realismus der Anfang der Reise oder das Ziel?

Vor Kurzem kamen Kollegen und ich auf das Thema Kunstunterricht zu sprechen. Jeder hat ein paar Anekdoten aus dieser Zeit erzählt. Von Geschmacksfragen, subjektiven Benotungen, coolen Lehrern, strengen Lehrern, exzentrischen Gestalten. Und während ich so eine meiner Geschichten zum besten gab, erinnerte ich mich an die Lehrer und Leitbilder, die ich hatte, welchen Konflikt die auslösten und wie ich dazu kam meine Kunstlehrerin zu googeln und mich 12 Jahre nach meinem Schulabschluss zu wundern, was Kunstunterricht eigentlich „will“.

Während meiner Schulzeit hatte ich einige coole Lehrer – sie konnten alle was und haben mir jede Menge beigebracht. Das steht außer Frage. Aber in der Oberstufe hatte ich tatsächlich immer mal wieder kleinere „Glaubenskonflikte“ mit meiner Lehrerin auszutragen. Unsere Sichtweisen waren sehr unterschiedlich. Bei vielen Aufgaben kamen wir ins diskutieren. Zwar sehe ich die Dinge immer noch so wie heute, aber ich kann auch bei ihr nicht bestreiten, dass ich viel gelernt habe.

Einer unserer andauernden Konflikte war, dass ich lernen wollte möglichst realistisch zu zeichnen. Kubismus und andere Strömungen finde ich wahnsinnig interessant, wollte aber nie so zeichnen oder malen. Es sei denn es wäre die Aufgabe gewesen. Dann hätte ich es als Übung gesehen. Meistens ging es ja aber um die Technik, nicht darum einen bestimmten Stil zu kopieren. Sie ermutigte allerdings immer alle sehr sich nicht am Realismus festzuhalten und halt irgendwas zu machen. Selbst, wenn wir nur Farbe mit Intention auf das Blatt klecksten. Wenn ich trotzdem versuchte etwas realistisch zu zeichnen, bekam ich immer sehr viel Kritik von ihr und sie forderte dann sehr viel, wickelte mich sehr laut und echauffiert in Grundsatzdiskussionen ein und erklärte mir, warum ich weit weg von dem Realismus bin, den ich mir wünsche. Mir kam das wie eine Bestrafung vor und meine Meinung über sie schwankte stark.

Damals dachte ich immer, dass Kunstunterricht dazu da ist, damit wir die Techniken lernen alles zu zeichnen und zu malen. Quasi das Handwerkszeug mit auf den Weg bekommen. Zumindest im Kunst Leistungskurs. Das habe ich tatsächlich durchgezogen. (Und später Informatik studiert, nun ja. ^^) Abstrakt zu malen erschien mir immer wie die Ausflucht. Das „gar nicht erst versuchen“. Zumindest unter uns Schülern. Klar – Picasso konnte bereits als Kind perfekte Portraits seiner Familienmitglieder malen. Er hat sich für den Kubismus und seine anderen Strömungen entschieden. Er beherrschte alles und hat sich über den Realismus hinweg entwickelt. Und so dachte ich eben auch, dass Realismus der Anfang ist. Und gleichzeitig für Lerner die erste Etappe. Und so denke ich noch heute.

Es ist vollkommen ok, wenn man kein Krokodil oder einen antiken Lampenschirm aus dem Kopf zeichnen kann. Aber ich denke immer noch, dass man bevor man sich für Abwandlungen entscheidet zumindest versuchen sollte die Welt um einen herum abbilden zu können. Zuerst das abbilden zu können, was man sieht, bevor man abbildet, was einem geistig vorschwebt. Außerdem finde ich das viel schwerer und herausfordernder. Heute musste ich wieder daran denken und habe mal meine Lehrerin gegoogelt. Ich kann nicht wirklich sagen warum – ich dachte, dass ich vielleicht Bilder von ihr finde. Tatsächlich weiß ich nämlich gar nicht, was sie eigentlich malt. Stattdessen fand ich ein Zitat von ihr in den Lokalnachrichten. Dort sagt sie, dass es beim Kunstunterricht darum gehe den „Geschmack auszubilden“. Zwar sehe ich heute sehr viel versöhnlicher auf die damalige Zeit zurück, aber die Meinung finde ich wiederum sehr seltsam. Ist es das worum es bei Kunstunterricht geht? Geschmack??? War meiner schlecht, ist ihrer gut? Gibt es so etwas überhaupt? Das sind doch nur Begriffe und Subjektivitäten. Vielleicht bin ich doch zu sehr Informatikerin für solche Diskussionen … . Vielleicht sollte ich sie mal fragen. Vielleicht ärgere ich mich dann wieder.

Header image photo credit: Dewang Gupta

Wie seht ihr das? Worum geht es eurer Meinung nach bei Kunstunterricht? Und wie ist euer Standpunkt zum zeichnen oder malen lernen? Realismus über Bord werfen?

2 Gedanken zu „Gedanken: ist Realismus der Anfang der Reise oder das Ziel?

  1. „Vielleicht ärgere ich mich dann wieder.“;)

    Ich bin zeichnerisch nicht geschickt, so dass meine Sicht die eines Konsumenten ist. Zwar kann ich auch über das hohe Maß an gezeigtem handwerklichem Geschick ins Staunen geraten, aber was mich am meisten reizt ist immer die Botschaft. Tatsächlich wird für mich ein Werk zu einem Kunstwerk, wenn es ihm gelingt mehr einzufangen und darzustellen als mit dem bloßen Auge sichtbar ist.
    Die Möglichkeit das unwesentliche wegzulassen und das wesentliche zu unterstreichen ist gerade das was ich an Gemälden und Zeichnungen so mag – es ist das was sie der Realität voraus haben.

  2. Liebe Steffi,
    wir hatten das Thema ja schon mal in einem Gespräch. Aber ich finde es toll, dass du das jetzt auch noch einmal hier auf dem Blog ansprichst!

    Ich hatte auf der Realschule glücklicherweise eine Lehrerin, die den Balanceakt zwischen Technik, Individualität, Realismus, Abstraktion, Wissen und Spaß gemeistert hat. Das hat aus mir leider keine Künstlerin gemacht (dafür fehlt mir einfach die Geduld), aber mir ist noch heute manches aus dem Unterricht hängen geblieben, z. B. die Begeisterung für Hundertwasser. 😉 Und es gibt nur wenige Unterrichtsfächer, von deren Inhalten ich noch heute „zehre“ / inspiriert und geprägt geblieben bin.

    Ich habe den Kunstunterricht bzw. Kunst allgemein immer so verstanden, dass man sich ausprobieren kann und in dem für sich passendsten Stil seine eigenen Ideen umsetzen kann. Das erfordert natürlich, dass ich verschiedene Stile ausprobieren kann und lerne, worauf es im Wesentlichen ankommt. Und – da bin ich ganz deiner Meinung – ich muss zunächst lernen, wie ich die Realität überhaupt wiedergeben kann und wie meine Welt im Detail aussieht. Nur wenn ich weiß, wie etwas aussieht, kann ich Muster und wesentliche Merkmale erkennen, die ich dann abstrahieren / für mich neu interpretieren kann.

    Aber das ist mein Verständnis als Laie. Ich kann mir denken, dass es viele gibt, die das anders sehen. Aber in mir bewegt bspw. Kunst nichts, wenn sie aussieht, als hätte jemand einfach Farbe verschüttet und ich absolut keine Struktur, keine Muster oder ähnliches erkennen kann. Ein paar Spritzer machen für mich kein Bild mit Botschaft und haben für mich auch wenig mit wirklichen Können zu tun. (just my two cents)

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